Sie wollen wissen, wie es in China war?
„Kannst Du im August mit mir nach China kommen?“ Es war Mitte Juli, als Helga mich anrief. Auf der Suche nach einem Partner für diese Anfrage hat meine Fachlichkeit wohl nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Zu recht: Innerhalb weniger Sekunden hatte sie meine Zusage und fünf Wochen später saßen wir im Flieger nach Chengdu. Ein Kollegium an chinesischen Dozenten wünschte ein einwöchiges Seminar mit dem Titel „Das Krankheitsbild Demenz in der deutschen Altenpflege“ und dafür waren wir das perfekte Duo!
Irgendwie hat mich die Reise an Asterix & Obelix erinnert, ich kam mir vor wie ein auserwählter Gallier. Sie haben gezielt nach dem Produkt „Altenpflege“ gefragt, das ja wirklich „made in Germany“ ist. In den ersten Tagen wurde die Anforderung immer noch ergänzt um den Zusatz „auf ehrenamtlicher Basis“, im Idealfall darf es nichts oder nur wenig kosten. Tatsächlich hätten wir auch in Deutschland ein Problem, wenn alle Menschen mit Demenz hauptamtlich zu versorgen wären (hierzulande werden 2/3 der 1,7 Millionen Menschen mit Demenz von Angehörigen versorgt). Und wir können in der beruflichen Altenpflege dem anderen Drittel nicht viel mehr als eine Grundversorgung anbieten. An Ideen, welche Aktivitäten den Bewohnern einer Pflegeeinrichtung (und auch seiner Umgebung) in bestimmten Situationen wirklich gut tun würden, mangelt es in der Regel nicht. Die Ressourcen sind allerdings sehr begrenzt.
Kommen wir zurück nach Ya’an im zentralen Westen der südwestchinesischen Provinz Sichuan. Ein paar Zahlen, um die Dimension darzustellen: 1,4 Millionen Menschen leben in dieser kreisfreien Stadt, 250.000 davon sind älter als 65 Jahre. Man ist sich der Herausforderung rund um die Folgen des „immer älter werdens“ bewusst und bereitet sich auf etwas vor, das noch nicht sichtbar ist. Aufgrund der jahrzehntelang praktizierten Ein-Kind-Politik können pro Ehepaar vier Elternteile hochaltrig werden und an Demenz erkranken. Sie leben in der Regel mit den Kindern und Kindeskindern in einem Haushalt und wirken bei der Erziehung des Nachwuchses nicht nur mit, sondern agieren gleichberechtigt. Daraus ergibt sich noch eine andere Dimension der Ausgleichsverpflichtung bei Hilfebedürftigkeit.
Das Kollegium der „Fachhochschule“ (mit derzeit 15.000 Schülern und sieben Fachrichtungen) hatte bisher noch nicht zum Thema Demenz gearbeitet. Die wenigsten hatten bereits Kontakt zu Menschen mit Demenz, es waren meist Kindheitserinnerungen an einzelne Großeltern, die sich sonderlich verhielten. Die Schulungsreihe „Hilfe beim Helfen“ der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. kam als Basiswissen gut an. Nur mussten wir thematisch erst einmal an dem Interesse für „Prävention“ und „Therapie“ vorbei kommen, um zum eigentlichen Anliegen arbeiten zu können. Vieles erinnerte mich an meine ersten Tage in der Altenpflege, noch vor Einführung der Pflegeversicherung. Als systemische Beraterin wurde mir bewusst, wie hilfreich Leidensdruck sein kann, um zu passenden Lösungen zu kommen.
Erzählen möchte ich Ihnen von unserem letzten Arbeitstag, an dem wir eine Pflegeeinrichtung besichtigen durften. Erst führte man uns in die Kommandozentrale dieses futuristischen Baus, in der Statistiken für Stadt und Land erstellt werden, u.a. mit den Daten des ambulanten Pflegedienstes und dem Langzeitpflegebereich mit 130 Pflegeplätzen. 90% sind für die vollstationäre Langzeitpflege vorgesehen, 20% der Patienten werden hier nur temporär aufgenommen. Anlass zur Aufnahme geben häufig die Folgen eines Schlaganfalls, aber auch das Krankheitsbild der Demenz scheint hier schon sehr viel präsenter zu sein als in der „Fachhochschule“. Konzeptionell vorgesehen ist eine Klassifizierung, nach der die alten und hilfebedürftigen Menschen je nach Pflegebedarf den Bereichen zugeordnet werden.
Als die aktuell größte Herausforderung wurden Menschen mit Demenz im fortgeschrittenen Stadium und ihre Angehörigen benannt, die jede weitere Behandlung und Therapie ablehnen. Ich hakte nach: „Was wollen sie stattdessen?“ Etwas hilflos wirkte die Antwort: „in Ruhe altern und sterben dürfen“. Das ist sicher nicht leicht, wenn bald so viele Ärzte wie Fachkräfte mit von der Partie sind. Mir fiel wieder ein, wofür es gut war, die sogenannten Heimärzte damals erst einmal zu verbannen, um konzeptionell weiter zu kommen. Das war nicht falsch, so konnten wir den medizinischen Fokus loslassen. Dank Palliativ Care und Angehörigenbewegung (u.a.) konnte die Alten- oder Langzeitpflege zu einem Ort werden, an dem bestimmte Menschen wirklich besser alt werden und sterben können.
Ich hätte ja gern mal bei den wirklich alten und pflegebedürftigen Chinesen vorbei geschaut, um Unterschiede zu sehen. Der Auftrag war aber ein anderer und so flanierten wir durch den Wohnbereich A mit den nur leicht pflegebedürftigen Bewohnern, bevor wir in die Zukunft reisen durften. Ansätze aus den verschiedensten Ländern waren hier wiederzuerkennen, z.B. die rote Nase von „Humor hilft heilen“ war sehr präsent. Inspiriert hat mich die zweite Fotowand im Wohnbereich, auf der sich die Mitarbeiter privat zeigen, bei ihrem Hobby oder mit ihrer Familie. Über den Pflegebetten hängt ein Board in Form einer Wolke, ihr sind bislang vor allem medizinische Informationen zu entnehmen. An der Decke über den Betten hängen ovale Schienen, die zum Aufhängen eines Betthimmels einladen. Es dürfen Möbel mitgebracht werden und in der Küche stehen persönliche Minikühlschränke. Majong-Tische machen die Aufenthaltsräume zu Spielzimmern, in denen es sicher hoch her geht bei Aktion. Die Wände sind teilweise bemalt oder erzählen vom Leben ihrer Bewohner, in Form selbstgemalter Bilder. Überrascht hat mich das Wissen der leitenden Ärztin um die Geschichten ihrer Patienten. Stolz präsentierte sie uns aber viel lieber die technischen Möglichkeiten: In der Kommandozentrale werden Daten der ganzen Region zusammengetragen und ausgewertet, Messgeräte stehen in direkter Verbindung zum System. Ortungssysteme werden hier auch innerhalb des Hauses genutzt, um den Bewegungsradius zu eruieren und herauszufinden, wo genau sich der Bewohner unter welchen Umständen am liebsten aufhält (das System zeigt sogar, an welchem Tisch er Platz genommen hat).
Und dann saßen sie da, die alten Damen und Herren der Region. Sie hatten eine Reihe an Stühlen auf den Flur gestellt, um nichts zu verpassen! Es gibt Dinge, die sind auf der ganzen Welt gleich. An ihnen vorbei wurden wir in eine Art Pilotprojektausstellung geführt, in der auf großen Leinwänden und zusätzlichen Bildschirmen „der Plan“ einsehbar ist. 22 Pflegeeinrichtungen sollen allein in dieser Region in den nächsten Jahren aufgebaut werden, richtungsweisend wird hier übergeordnet konzeptionell gearbeitet und zusammengeführt. Ganz offensichtlich ist man schon weit gereist, um gut vorbereitet zu sein auf die Krise, in der das Bisherige einfach nicht mehr reichen wird.
Zurück in meinem eigentlichen Arbeitsalltag wird mir bewusst, wie weit wir in den letzten 27 Jahren gekommen sind. Und das ich fachlich eigentlich raus bin, das aber nicht als Misserfolg oder Verlust empfinden sollte. Es ist sehr viel wirksamer, anderen Menschen und Systeme zu ihrer eigenen Lösung zu bringen. Und schöne Resultate aus der Quelle der Praxis schriftlich aufzubereiten, um auch andere Systeme aus der Reserve zu locken. In Arbeit ist ein Themenheft zur Angehörigenarbeit, eine scheinbar nebensächliche Aufgabe mit überraschendem Potenzial. Einen Vorgeschmack bietet der Fachartikel „Und wir zahlen hier so viel Geld!“ in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Altenheim (Ausgabe 09/19 Seite 24-26).